Züchterinformation zum Doppellendergen L64P
Liebe Züchterinnen und Züchter,
im folgenden Informationsschreiben möchten wir Sie über eine genetische Besonderheit informieren, die durch moderne SNP-Typisierung erkannt werden kann:
die Doppellender-Variante L64P im Myostatin-Gen.
Was ist L64P?
L64P ist eine Mutation im Myostatin-Gen, das für die Regulation des Muskelwachstums verantwortlich ist. Je nach genetischer Ausprägung kann sie sehr unterschiedliche Auswirkungen haben:
• Reinerbige Tiere (M4S): Deutliche Doppellender-Merkmale mit extremer Bemuskelung, feinem Skelettbau, erhöhtem Geburtsgewicht und gesteigerter Ausschlachtung. Gleichzeitig treten vermehrt Schwergeburten, geringere Fruchtbarkeit und eingeschränkte Fitness auf. Solche Tiere sind in der Regel nicht zuchttauglich, insbesondere nicht für extensive Haltungsformen.
• Mischerbige Träger (M4C): Äußerlich gesunde Tiere ohne oder mit nur sehr leichten Anzeichen. Sie können die Mutation jedoch mit 50 % Wahrscheinlichkeit weitergeben.
• Frei (M4F): Tiere ohne Mutation – sie geben das Merkmal nicht weiter.
Validierung
Das Doppellendergen L64P wurde im Frühjahr 2025 für die Rassen Glanrind, Gelbvieh und Rotes Höhenvieh validiert – das heißt, die Aussagekraft der SNP-Ergebnisse für dieses Gen ist nun fachlich bestätigt und kann sicher ausgewertet werden. Der Status wird seither bei allen SNP-Typisierungen automatisch angegeben – auch rückwirkend für bereits untersuchte Tiere.
Die Kennzeichnung erfolgt:
• in Fleischrinderpedigrees & auf Herdbuchauszügen,
• auf dem Genom-PDF,
• in Schau- & Auktionskatalogen.
Trägerfrequenz in der Glanrindpopulation
Als Basis zur Bestimmung dient die SNP-Typisierung. Zum Zeitpunkt 11.06.2025 waren 365 Glanrindergenotypisiert (Quelle: BRS, VIT)
Die bisherigen Auswertungen im Rahmen der Validierung zeigen Trägerfrequenzen von:
• 22,6 % bei Tieren mit Geburtsjahr bis einschließlich 2021,
• 30,53 % bei Tieren mit Geburtsjahr ab 2022.
Diese Werte beruhen auf einer vorselektierten Stichprobe (v. a. Körbullen, deren Mütter, Tiere aus Abstammungskontrollen), sind also statistisch nicht repräsentativ – zeigen aber, dass das Merkmal in der Population nicht selten ist und züchterisch berücksichtigt werden sollte.
Was bedeutet das für die Zucht?
L64P wird rezessiv vererbt: Nur wenn beide Elterntiere Träger sind, besteht das Risiko homozygoter Nachkommen mit den bekannten negativen Auswirkungen. Ziel ist daher, solche Paarungen gezielt zu vermeiden – nicht aber, Trägertiere grundsätzlich von der Zucht auszuschließen.
Zuchtstrategie:
Verantwortung statt Ausschluss
Wir setzen auf Verantwortung und Augenmaß, nicht auf starre Regeln. Eine pauschale Ausschlussregelung für Trägertiere – etwa im Rahmen der Körung – ist nicht vorgesehen, denn:
• Das Glanrind ist eine kleine Population, jede genetische Linie zählt.
• Ein Ausschluss würde die genetische Vielfalt einschränken und die Inzuchtgefahr erhöhen.
Stattdessen appellieren wir an Ihren vorausschauenden und verantwortungsvollen Umgang mit dieser genetischen Information.
Ihre Möglichkeiten als Züchterin und Züchter
• Lassen Sie Ihre relevanten Zuchttiere SNP-typisieren, sofern noch nicht geschehen.
• Prüfen Sie den L64P-Status (M4) in den Genomdaten.
• Nutzen Sie die Ergebnisse aktiv für Ihre Zuchtplanung.
• Vermeiden Sie gezielt die Paarung zweier Trägertiere.
• Falls aus Ihrem Bestand bereits Glanrind-Tiere SNP-typisiert wurden, finden Sie in den Herdbuchauszügen die Ergebnisse zum Doppellendergen L64P.
• Zusätzlich erhalten Sie in der Anlage eine Übersicht der Glanrind-Besamungsbullen mit bekanntem L64P-Status.
Anpaarungsbeispiele (nur auf L64P und Wildtyp bezogen)
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Kuh |
Bulle |
Ergebnis bei den Nachkommen |
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M4F (frei) |
M4F (frei) |
100 % frei M4F→ ideale Kombination |
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M4F (frei) |
M4C (Heterozygoter Träger) |
50 % M4C, 50 % M4F → keine Risiken |
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M4F (frei) |
M4S (homozygoter Träger) |
100 % frei M4C→ keine Risiken |
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M4C (Heterozygoter Träger) |
M4C (Heterozygoter Träger) |
25 % M4F, 50 % M4C, 25 % M4S → Risiko |
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M4C (Heterozygoter Träger) |
M4S (homozygoter Träger) |
50 % M4C, 50 % M4S→ Risiko |
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M4S (homozygoter Träger) |
M4S (homozygoter Träger) |
100 % M4S → Risiko |
M4: Abkürzung für die Doppellender-Variante L64P
F à Frei
C à Mischerbiger (Heterozygoter) Träger
S à Reinerbiger (Homozygoter) Träger
Fazit
Die Validierung von L64P ermöglicht eine fundierte und verantwortungsvolle Zuchtplanung. Die aktuelle Auswertung zeigt: Das Thema ist beherrschbar – mit Weitblick, Sorgfalt und Zuchtverstand. Trägertiere können weiterhin gezielt eingesetzt werden – entscheidend ist die passende Anpaarung.
Gemeinsam tragen wir Verantwortung für die Erhaltung und Weiterentwicklung unserer Glanrinder.
Für Fragen zur Typisierung oder zur Auswertung Ihrer Tiere stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Felix Leixner,
1. Vorsitzender Glanrind-Züchterverband
Maximilian Schäfer,
Geschäftsführer FHB
